{"id":114,"date":"2006-07-23T00:00:12","date_gmt":"2006-07-22T22:00:12","guid":{"rendered":"http:\/\/192.168.100.200\/cediv3\/?p=114"},"modified":"2009-09-18T18:47:40","modified_gmt":"2009-09-18T16:47:40","slug":"gipfelbericht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.expeditionsnews.ch\/v3\/?p=114","title":{"rendered":"Gipfelbericht"},"content":{"rendered":"<p>Endlich schaut das Wetter viel versprechend aus. Zu acht machen wir uns auf ins weit entfernte vorgeschobene Basislager. In zwei verschiedenen Gruppen zu je vier Personen wollen wir den Gipfel erklimmen. So ist unser Plan. Es soll aber ganz anders kommen&#8230;<!--more--><\/p>\n<blockquote id=\"news1\" style=\"margin: 0px; display: block;\"><p>Schon wieder wartet uns der m\u00fchsame Weg ins Lager 1. W\u00e4hrend eineinhalb Stunden gehen wir \u00fcber den steinigen, immer mehr ausapernden Gletscher ins Tal hinein, um uns dann die<br \/>\n500m hohe, steile Firn-Eisflanke hoch zu arbeiten. Von dort f\u00fchrt uns der Weg ganz sanft<br \/>\nin unser Lager. Wir meinen zu erkennen, dass die Schneef\u00e4lle der letzten Tage nicht so stark gewesen sind, wie wir bef\u00fcrchtet haben. Voller Motivation machen wir uns schwer beladen am n\u00e4chsten Tag in das n\u00e4chste Lager auf. Das Auspickeln der eingefrorenen Fixseile bedeutet Schwerstarbeit. Zum Teil sind sie \u00fcber 10cm im blanken Eis versteckt. Ich versuche krampfhaft, im senkrechten Eis mit meinem Eisger\u00e4t nicht auf das Seil zu hacken. Auf 6200m erleben wir eine erste \u00dcberraschung: Es lieg weitaus mehr Schnee als angenommen und die grosse Lawinengefahr macht uns zu schaffen. Die Spurarbeit gleicht einem Radrennen, bei dem der Mann an der Spitze nach 30m auf die Seite tritt, alle andern<br \/>\nvorbeil\u00e4sst und sich hinten anstellt&#8230;<br \/>\nIn einem steilen Hang erschrecken uns die Wummger\u00e4usche und bringen uns Ern\u00fcchterung. Zum Gl\u00fcck bleibt der Hang dort, wo er sein soll. Wir entscheiden uns zur Umkehr. Aber wie soll es weitergehen&#8230;? Wir hoffen, dass sich die ganze Situation anderntags mit<br \/>\nder Sonneneinstrahlung gebessert haben wird. Die meisten von uns tragen ihr Lagermaterial bei sich. Nur Hans und ich haben die ben\u00f6tigte Ausr\u00fcstung genau oberhalb des sehr kritischen Hanges deponiert. Deshalb verbringen wir zwei die Nacht einzig in unserem Daunenanzug. Am n\u00e4chsten Morgen wird der Hang von uns nochmals ausgiebig begutachtet, worauf wir gemeinsam entscheiden, keine Risiken einzugehen, was f\u00fcr uns letztlich ABSTIEG bedeutet. Kurz vor Lager 1 werden zwei von uns von einer Lawine \u00fcberrascht, welche wenige Meter an ihnen vorbeidonnert. Der Entscheid zum Abstieg ist richtig gewesen!<br \/>\nIm Lager 1 erhalten wir die neue Wettermeldung, welche besagt, dass das sch\u00f6ne Wetter bis am Montag, und nicht wie vorhergesagt nur bis Samstag, sch\u00f6n bleiben wird. Tolles Wetter und Lawinengefahr, was will man mehr&#8230;?! Hier im Lager k\u00f6nnen wir nicht warten, denn es gibt weder Essen noch Gas. Also steigen wir ins ABC ab.<\/p>\n<p>Wir schalten einen Ruhetag ein und finden viel Zeit zum diskutieren. Wie weiter? Wir sind so nahe an einem Erfolg, aber doch so weit davon entfernt. Heute w\u00e4re der geplante Gipfeltag, und wir sitzen alle im ABC. Wir h\u00f6ren die Funkspr\u00fcche ab und vernehmen, dass eine andere Schweizer Expedition auf dem Gipfel steht. Auf den Tag genau vor 50 Jahren wurde der Gasherbrum 2 erstbestiegen. Meine Gedanken lassen mir keine Ruhe: Was sollen wir tun? Jeder denkt nach. Am Schluss bleiben drei Bergsteiger \u00fcbrig, die nochmals<br \/>\neinen Versuch wagen und das Risiko eingehen wollen und die Hoffnung nicht aufgeben, dass die W\u00e4rme die Schneedecke verfestigt hat.<\/p>\n<p>Ueli, Hans und ich steigen nochmals ins Lager 1 hoch. Punkt neun Uhr sind wir dort. Wieder geht das Warten los. Die Hitze hier auf 5750m ist unertr\u00e4glich. Wir hoffen, dass sich der Schnee in der H\u00f6he verfestigt hat.<br \/>\nUm drei Uhr klingelt der Wecker. Wir starten bald und kommen auch z\u00fcgig in die H\u00f6he. Zum traumhaften Sonnenaufgang befinden wir uns bereits am Ende der Fixseile. Der Schnee hat sich ver\u00e4ndert. Trotzdem durchsteigen wir mit einem komischen Gef\u00fchl im Bauch den heiklen Hang und erreichen unser zur\u00fcckgelassenes Lager 2 mit dem gesamten Material. Wir sind erleichtert!<\/p>\n<p>Der Wecker klingelt um 22 Uhr und draussen ist es empfindlich kalt. Der Vollmond scheint auf die Bergflanken, doch wir m\u00fcssen im Schatten aufsteigen. Schnell kommen wir auf unserer Spur vorw\u00e4rts, die wir bis 7100m am Vortag noch gespurt haben. Hier f\u00e4ngt die Schwerstarbeit wieder an und die 300 H\u00f6henmeter bis auf den Grat verlangen unsern vollen Einsatz. Die kurzen Stellen mit Blankeis m\u00fcssen wir umgehen. Dazwischen stampfen wir durch h\u00fcfttiefen Schnee. Wir befinden uns in einem 40-45 Grad steilen Hang und orientieren uns im Stirnlampenlicht. Endlich kommen wir unter der Wechte durch und gelangen auf den Grat. Die Tour wird zur Grattour und beidseits unserer Spur st\u00fcrzen die H\u00e4nge steil hinunter. Hoffentlich fallen wir nicht mit der Wechte nach China oder mit einem Schneerutsch nach Pakistan hinunter!<br \/>\nPl\u00f6tzlich stehen wir vor einer un\u00fcberwindbaren Wand, die in der Nacht gewaltig aussieht. Wir glauben, sie nicht \u00fcberwinden zu k\u00f6nnen. Trotzdem tasten wir uns n\u00e4her und<br \/>\nentdecken pl\u00f6tzlich ein Couloir. Wir steigen h\u00f6her und h\u00f6her. Die Spurarbeit und die d\u00fcnne Luft machen uns zu schaffen. Ausger\u00fcstet mit einem Pickel, einem Skistock, 50m Kevlarseil und zwei Eisschrauben steigen wir die 200 H\u00f6henmeter voll konzentriert weiter. Im 55 Grad steilen Couloir steigen wir bei sehr schlechten Schneeverh\u00e4ltnissen alles seilfrei hoch.<\/p>\n<p>Genau um 7 Uhr am 10. Juli 2006 stehen wir auf dem Ostgipfel des 7772m hohen<br \/>\nGasherbrum 2. Wir haben die Erstbegehung von der Nordseite geschafft! Eine Traversierung<br \/>\nzum Hauptgipfel kommt nicht in Frage, da sie sehr viel Zeit beanspruchen w\u00fcrde<br \/>\nund wir einer riesigen Lawinengefahr ausgesetzt w\u00e4ren. Gleich nach den Gipfelfotos<br \/>\nsteigen wir wieder hoch konzentriert ab. Wir lassen das 50m Seil an der schwierigsten<br \/>\nStelle h\u00e4ngen. Kaum ist die Sonne da, wird es auch in der H\u00f6he sehr warm. Nach knapp zw\u00f6lf Stunden sind wir wieder in unserem Lager auf 6800m. Jeder von uns ist<br \/>\ntodm\u00fcde. Eine Suppe und ein wohlverdienter Mittagsschlaf geben uns wieder Kraft.<\/p>\n<p>Um f\u00fcnf Uhr morgens weckt mich Ueli. Ich erwache aus einem sch\u00f6nen Traum an einem warmen<br \/>\nStrand. Als ich aber den Wind h\u00f6re, der am Zelt r\u00fcttelt und mir den Raureif vom Zelt in mein Gesicht sch\u00fcttelt, werde ich sehr schnell in die Wirklichkeit zur\u00fcckgeholt. Wir bauen das ganze Lager ab, wodurch unsere Rucks\u00e4cke immer schwerer werden. Nach jedem Lager kommt noch viel mehr Material dazu. Mit zwei riesigen Sees\u00e4cken und drei schweren<br \/>\nRucks\u00e4cken erreichen wir wieder unsere Eis-Firnflanke. Das Abseilen mit dem riesigen Gep\u00e4ck ist in den kleinen Schneerutschen nicht einfacher geworden. Die Fixseile lassen wir dort aus Sicherheitsgr\u00fcnden zur\u00fcck. Es h\u00e4tte zu viel Zeit in Anspruch genommen, sie zu entfernen. Zwei unserer K\u00f6che warten im Tal auf uns, um uns einen Teil unseres Materials abzunehmen. Schwerbeladen und todm\u00fcde erreichen wir kurz vor dem Nachtessen das<br \/>\nBasislager.<\/p>\n<p>Jetzt k\u00f6nnen wir uns zwei Tage erholen, bis wir mit den Kamelen das Basislager verlassen werden&#8230;<\/p><\/blockquote>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Endlich schaut das Wetter viel versprechend aus. Zu acht machen wir uns auf ins weit entfernte vorgeschobene Basislager. In zwei verschiedenen Gruppen zu je vier Personen wollen wir den Gipfel erklimmen. So ist unser Plan. 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