{"id":110,"date":"2006-07-09T00:00:40","date_gmt":"2006-07-08T22:00:40","guid":{"rendered":"http:\/\/192.168.100.200\/cediv3\/?p=110"},"modified":"2009-09-18T18:46:09","modified_gmt":"2009-09-18T16:46:09","slug":"abc-lager-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.expeditionsnews.ch\/v3\/?p=110","title":{"rendered":"ABC &#8211; Lager 2"},"content":{"rendered":"<p>Die riesige Wechte, die ca. 400m \u00fcber uns weit in die Wand hereinragt, macht mir Angst. Aber recht viel schneller k\u00f6nnen wir in der steilen Rinne nicht aufsteigen, um aus dem gef\u00e4hrlichen Bereich zu kommen, da wir uns hier auf \u00fcber 5000m eh schon die Lunge aus dem Hals keuchen. Endlich kommt eine Gelegenheit nach links auszuqueren, um gesch\u00fctzt unter einem kleinen Serac Pause machen zu k\u00f6nnen.<!--more--><\/p>\n<blockquote id=\"news2\" style=\"margin: 0px; display: block;\"><p>Beim dritten Schritt versinken wir bis \u00fcber die H\u00fcfte im weichen Schnee. Die ganze Schneedecke vibriert dumpf und hohl. Lieber wieder zur\u00fcck und weiter in der Rinne hoch. Beim n\u00e4chsten Versuch 50m weiter oben gelingt es und wir k\u00f6nnen in der Sicherheit einer gro\u00dfen Spalte verschnaufen. Nach nur einer Nacht im ABC auf 4800m ist das Aufsteigen auf den Frontzacken der Steigeisen, vor allem in den Expeditionsschuhen, die den Hebel noch extra vergr\u00f6\u00dfern, ziemlich anstrengend. Au\u00dferdem haben wir noch jeweils 150m Seil im Rucksack, um diese ca. 500m hohe Schnee- und Eisflanke, die uns zum eigentlichen Ausgangspunkt der Kletterei bringen soll, zu fixieren.<\/p>\n<p>Die Rinne, in der wir nun durch die zweite Wandh\u00e4lfte zum Ausstieg klettern wollen, ist deutlich steiler &#8211; daf\u00fcr h\u00e4ngt nur noch eine kleine Wechte oben am Grat, die uns wohl nicht allzu gef\u00e4hrlich werden kann. Michi bindet sich in eine 7mm Reepschnur ein und klettert los. Die Sicherung ist eher platonischer Art &#8211; ein Sturz mit einem statischen Seil in eine Eisschraube k\u00f6nnte unter Umst\u00e4nden ungesund enden. Er kommt gut voran und nach 150m verl\u00e4ngern wir das Seil. Nach weiteren 30m bremst der Seilzug ihn aus und er muss Stand machen. Cedric und ich kommen am T-Block gesichert nach. Sofort gehe ich die letzten 60m an. In perfektem Wassereis steilt es noch einmal bis knapp 70\u00b0 auf. Eine letzte gute Eisschraube bevor es bei fast gleicher Steilheit in tiefen W\u00fchlschnee \u00fcbergeht. Ich keuche, grabe, w\u00fchle &#8211; die Eisger\u00e4te gehen immer leer durch, egal wie fest ich zuschlage. Bis zur Brust bin ich im Schnee vergraben &#8211; so geht es nicht! In der leicht ausgepr\u00e4gten Rinne versuche ich mit den F\u00fc\u00dfen auszuspreitzen &#8211; Zentimeterweise schiebe ich mich h\u00f6her. Jeden Meter muss ich verschnaufen, weil das W\u00fchlmausverfahren mich so fertig macht. Endlich wird der Schnee ein bisschen fester und man kann wieder mit den Eisger\u00e4ten arbeiten. Es wird flacher und ich kann mich auf den Grat hochk\u00e4mpfen &#8211; pro Schritt zwei Atemz\u00fcge auf 5500m. Oben lasse ich mich auf der anderen Seite in den Schnee fallen: &#8222;Stand!&#8220; Am Seilzug merke ich, dass die anderen am Seil aufsteigen.<br \/>\nWir vergraben 3 Firnanker, verbessern beim Abseilen die Eissanduhren, an denen die Seile fixiert sind und rutschen den unteren Teil der Flanke auf dem Hosenboden herunter. Ersch\u00f6pft erreichen wir das ABC, wo wir von Koch Intias hervorragend versorgt werden.<\/p>\n<p>Nach einem Ruhetag, an dem Steph, Ueli und Lolo Lager 1 auf 5700m einrichten, bringen wir unser Material ebenfalls dorthin und schaun uns den Weiterweg an. Wieder eine steile Schneeflanke. Im oberen Teil extrem steil und nicht absicherbar. Cedric spurt bis unter die Gratwechte und quert unter dieser nach rechts raus. Stark schnaufend komme ich nach und wir verankern das Seil provisorisch. Nach weiteren 50m auf dem Grat ist Schluss &#8211; ein Schneeschwammerl versperrt den Weg. Wir kommen zwar hinauf, aber es geht auf allen Seiten nicht weiter &#8211; links die 500m senkrechte Felswand nach unten, auf den anderen Seiten tiefe Gletscherspalten. Wir \u00fcberlegen kurz, geben uns aber recht schnell f\u00fcrs Erste geschlagen. Es ist schon relativ sp\u00e4t und nach der Verankerung des Seils kehren wir in Lager 1 zur\u00fcck und legen uns gem\u00fctlich schlafen.<\/p>\n<p>&#8222;Meinst die h\u00e4lt?&#8220; Michi hat sich vom Schneeschwammerl aus auf eine Schneebr\u00fccke abgeseilt, versucht \u00fcber diese zu balancieren und ist schon bald dr\u00fcber. WUUMMMP. Ok, sie h\u00e4lt nicht &#8211; Michi steht 2m tiefer. Jetzt kann er daf\u00fcr mit einem kleinen Sprung auf die andere Seite kommen.<br \/>\nDas n\u00e4chste Hindernis ist der von unten deutlich sichtbare riesige Bergschrund, der \u00fcber die ganze Breite zieht. Eine mindestens 4m \u00fcberh\u00e4ngende Schneewand, in der nat\u00fcrlich keine Eisger\u00e4te halten. Links am Gratabbruch gl\u00e4nzt es teilweise und es ist deutlich flacher, daf\u00fcr f\u00e4llt die Wand drunter 500m senkrecht ab. Michi schwingt sich ums Eck und nach kurzer Zeit h\u00f6re ich den Erfolgsschrei.<\/p>\n<p>Die Wand ist doch ganz sch\u00f6n steil. Wir stehen vor der Schl\u00fcsselstelle. Aber vielleicht so rechts rum, \u00fcber das kurze steile St\u00fcck und dann kann man \u00fcber die Schneerampe gem\u00fctlich nach links rausqueren&#8230; soweit der Plan.<br \/>\nIch binde mich ein &#8211; immerhin ein dynamisches Halbseil &#8211; runterfallen mag ich trotzdem nicht. Die ersten Meter sind sch\u00f6nes Softeis, wunderbar zum Klettern, f\u00fcr Eisschrauben eher ungeeignet. Sch\u00f6n langsam wird es steiler, lieber trotzdem eine Schraube setzen und die Nerven beruhigen. Wenn das doch alles nicht so verdammt anstrengend w\u00e4re auf der H\u00f6he&#8230; Die senkrechte Stelle ist nicht einmal zwei Meter hoch, aber gerade hier gibt es kein Eis sondern nur weichen Schnee. Und den Fels kann man auseinander nehmen wie Streuselkuchen &#8211; wo doch die Chinesen sonst immer beste Qualit\u00e4t liefern. Eisschraube? &#8211; 3m unter meinen F\u00fc\u00dfen. Na dann lieber eine Knotenschlinge nach s\u00e4chsischem Vorbild. Der Knoten h\u00e4lt sicher &#8211; der Fels, in dem sie versenkt ist, sicher nicht. Vorsichtig, m\u00f6glichst nur mit St\u00fctzen und Spreizen mogle ich mich h\u00f6her. \u00dcberall wo die Steigeisen den Fels ber\u00fchren br\u00f6selt dieser davon. Schei\u00dfglump, verreckts! Naja, danach wird&#8217;s ja leichter&#8230;<br \/>\n&#8230;habe ich gehofft. Die Schneerampe ist viel steiler, als sie von unten ausschaut. Wieder nur Schnee und &#8222;senkrechtes&#8220; Ger\u00f6ll. Nirgends eine halbwegs anst\u00e4ndige Sicherung. Sch\u00f6n langsam wird mir das zu bl\u00f6d! Warum mach ich das hier eigentlich? Da muss man sich f\u00fcrchten und anstrengen ohne Ende, gibt auch noch elends viel Kohle daf\u00fcr aus, wo man genauso gut irgendwo in Ruhe am Strand liegen k\u00f6nnte&#8230;<br \/>\nNa gut, hilft ja nichts. Also sch\u00f6n vorsichtig weiter. Eine K\u00f6pferlschlinge \u00fcber einen eingefrorenen Felsen gibt einigerma\u00dfen ein Sicherheitsgef\u00fchl.<br \/>\nNach 65m-L\u00e4nge bin ich erstmal platt. Michi kommt nach und f\u00fchrt noch eine anspruchsvolle felsdurchsetzte Eisrinne, die uns wieder zur\u00fcck auf den Hauptgrat bringen soll. Ich gehe noch die letzten 60m zum Grat hin an, aber das Seil reicht nicht, au\u00dferdem habe ich keine Firnanker dabei, um oben einen Stand zu bauen. Also seilen wir ab und ruhen uns zufrieden in Lager 1 aus. So schlimm war&#8217;s ja doch gar nicht &#8211; oh wie w\u00fcrd&#8216; ich mich am Strand langweilen&#8230;<\/p>\n<p>&#8222;Sollen wir uns doch mal aus dem Schlafsack qu\u00e4len? Ich lieg grad so gut.&#8220; Ueli, Steph und Lolo sind in der Fr\u00fch voraus, um an unserem Umkehrpunkt weiterzuarbeiten. Cedric und ich genie\u00dfen noch einen Powerbar zum Fr\u00fchst\u00fcck, packen Zelt und Schlafs\u00e4cke zusammen und machen uns gem\u00fctlich auf den Weg hinter den anderen her. In der letzten Rinne &#8222;laufen&#8220; wir auf. Ueli hat sich drei Stunden durch den Schnee auf dem Grat gew\u00fchlt und ist doch nicht weitergekommen. An einer Lawinenschaufel wieder abgeseilt und nun versuchen sie die Parallelrinne. Auch hier wird es oben raus unangenehm im tiefen Schnee, aber es funktioniert. Wir steigen nach und bauen auf ca. 6400m ein Zwischenlager auf. Die anderen seilen wieder ab ins Lager 1.<\/p>\n<p>Vom Basislager schaut das alles richtig flach aus, wie eine gem\u00fctliche Skitour. Hier oben merken wir, dass man fast durchgehend die Eisger\u00e4te brauchen kann und eigentlich nirgends umfallen sollte, wenn man nicht wieder in Lager 1 sitzen will. In weitr\u00e4umigem Zick-Zack spuren wir durch oft knietiefen Schnee. Die Gedanken kreisen wieder um den sonnigen Sandstrand &#8211; Palmen, Bikinis&#8230;<br \/>\nIrgendwann finden wir dann doch einen Platz f\u00fcr Lager 2. W\u00e4hrend Cedric mit blo\u00dfen H\u00e4nden eine Plattform schaufelt, spure ich noch \u00fcber den letzten H\u00fcgel, um einen Blick auf den Weiterweg zum Grat (G1-G2) zu werfen. Schon noch mal ganz sch\u00f6n steil, aber irgendwie werden wir da schon hochkommen!<br \/>\nAuch beim Abendessen schweifen die Gedanken wieder mal ab. Ein Wei\u00dfbier mit Breze im Biergarten &#8211; oder auch zwei&#8230;<\/p>\n<p>Text: Hans Mitterer<\/p><\/blockquote>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die riesige Wechte, die ca. 400m \u00fcber uns weit in die Wand hereinragt, macht mir Angst. Aber recht viel schneller k\u00f6nnen wir in der steilen Rinne nicht aufsteigen, um aus dem gef\u00e4hrlichen Bereich zu kommen, da wir uns hier auf \u00fcber 5000m eh schon die Lunge aus dem Hals keuchen. Endlich kommt eine Gelegenheit nach [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"ngg_post_thumbnail":0,"jetpack_post_was_ever_published":false,"_jetpack_newsletter_access":"","_jetpack_dont_email_post_to_subs":false,"_jetpack_newsletter_tier_id":0,"_jetpack_memberships_contains_paywalled_content":false,"footnotes":"","_jetpack_memberships_contains_paid_content":false},"categories":[5],"tags":[],"jetpack_featured_media_url":"","jetpack_shortlink":"https:\/\/wp.me\/pLqZl-1M","jetpack_sharing_enabled":true,"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.expeditionsnews.ch\/v3\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/110"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.expeditionsnews.ch\/v3\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.expeditionsnews.ch\/v3\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.expeditionsnews.ch\/v3\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.expeditionsnews.ch\/v3\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=110"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.expeditionsnews.ch\/v3\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/110\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":111,"href":"https:\/\/www.expeditionsnews.ch\/v3\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/110\/revisions\/111"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.expeditionsnews.ch\/v3\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=110"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.expeditionsnews.ch\/v3\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=110"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.expeditionsnews.ch\/v3\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=110"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}